Yvonne Pagniez

Vom französisch-deutschen Schicksal zur Vision für Europa

Die Französin Yvonne Pagniez (1896 – 1981) liebte das Leben und das Schreiben. Das Schicksal der Journalistin und Schriftstellerin führte sie als Kämpferin der Résistance im Zweiten Weltkrieg direkt ins KZ. Courage und Überlebenswille motivierten zur Flucht. In Konstanz kam es zu einer Schicksalswende, in Schwäbisch Gmünd jedoch hat Yvonne Pagniez mit Kriegsende Spuren gelegt, die uns heute noch bewegen – eine Vision für Europa. Dabei motivierten die Französin zwei große Themen: Versöhnung und Frauen.

Bild:Yvonne Pagniez„Alle die, die durch furchtbare Prüfungen hindurchgegangen sind, wollen sich mit ihrem ganzen Sein dieser Sendung widmen: Europa eine Seele geben.“ Yvonne Pagniez

1896 geboren wächst Yvonne Pagniez in einer gutbürgerlichen Familie auf – der Vater hat eine Fabrik im Norden Frankreichs. Sie nimmt früh Anteil am Leben anderer Menschen. Mit der Mutter und den Geschwistern in Savoyen lebend kann sie im Ersten Weltkrieg Flüchtlingen helfen und später in der nordfranzösischen Stadt Rethel bei der Rückkehr der evakuierten Bürgerinnen und Bürger. Denken und Fühlen für andere bleibt ihr ein Leben lang Kraftquell für den Lebensweg.

Die Widerstandskämpferin: Politischer Standort in der Résistance

Durch ihr Philosophie-Studium in Paris kommt Yvonne Pagniez, noch ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit, zu umfassender Bildung und zur Welt des Schreibens. Sie erwirbt ein Diplom, aber ihre Leidenschaft gilt der freien schreibenden Tätigkeit. Ihre Romane „Ouessant“ (1935) und „Pêcheur de goémon“ (1939) erscheinen. Im Zweiten Weltkrieg entscheidet sie sich für den Kampf gegen den Nationalsozialismus und tritt der Résistance bei. Die französischen Widerstandsbewegung ist für sie der politische Ort, wo sie ein Zeichen setzen will. Sie beherbergt abgeschossene amerikanische und englische Piloten. Aber im Juni 1944 wird sie von der Gestapo verhaftet und kommt ins Gefängnis. Noch im August wird sie mit dem letzten Transport aus Frankreich in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Die Gefangene: Schicksalhafte Wende am Bodensee

Es gelingt ihr jedoch während eines Transports die Flucht. Fluchtweg, Untertauchen, Angst, Kälte und Hunger schildert sie im einzigen Buch, von dem es eine deutsche Übersetzung gibt, „Évasion 44“ (Flucht 44). Die Veröffentlichung 1949 bringt ihr den Großen Preis der Akademie Francaise ein und die Aufnahme in die Ehrenlegion.

Zuvor endet ihre Flucht jedoch bei der Ausreise in die Schweiz auf einem Schiff in Konstanz. Fast in Sicherheit wird sie erneut verhaftet und wegen „Pass- und Grenzvergehen“ zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Sie kommt in Festungshaft nach Schwäbisch Gmünd (Gotteszell). Pagniez zu diesem Schicksalsmoment ihrer Lebensrettung: „Gott hatte uns wenigstens Deutschen in die Hände gegeben, die noch Herz und Gewissen hatten, so wie sie mir mehrere Male auf meiner Flucht begegnet waren. Sie fassten also den Entschluss, - dies war keineswegs ohne Gefahr für sie selbst - , mich nicht der Gerichtsbarkeit Himmlers auszuliefern. Man wusste nur zu gut, dass dies meinen Tod zur Folge gehabt hätte.“

Die Versöhnende: Verbindung mit Deutschland

Ein Zeitdokument mit literarischer Qualität: Pagniez schildert in „Ils ressusciteront d’entre les morts“ (Sie werden von den Toten auferstehen) die Wirren und Nöte des Kriegsendes – Gewalt, auch Vergewaltigungen, Plünderungen, Triumph der Sieger, Beschämung, Demut und Nächstenliebe, authentisch und genau übermittelt die Schriftstellerin ihre Beobachtungen und Erlebnisse in Schwäbisch Gmünd. Sie verharrt jedoch nicht im Elend. Ihre Reisen nach Deutschland nach dem Kriege führen sie zur Idee einer unbedingten Notwendigkeit der Völkerversöhnung für einen dauerhaften Frieden.

Die Frauenbewegte: „Die Bedeutung der Frauen“ - ein zu erweckendes Thema

Yvonne Pagniez, selbst Mutter, sah in der mütterlichen Rolle nicht nur einen rein privaten Aspekt des Lebens einer Frau. Sie versteht Mütterlichkeit als gesellschaftliche Dimension und als Auftrag: „Unsere Sendung ist vor allem, Mütter zu sein, selbst wenn wir es dem Fleisch nach nicht sind. Denken Sie, dass jeder aus dieser wimmelnden Masse von Milliarden Menschen unter allen Himmelsstrichen eine Mutter gehabt hat. … Diese Berufung zur Mutterschaft verweist uns keineswegs zurück in die Mauern des Hauses. Heute weniger denn je! Wir schulden unseren Toten, allen Leidenden, unseren Kindern eine Weltbewegung der Mütter, die entschlossen sind, ihre Heimstätten und Kinder vor dem großen Entsetzen zu bewahren.“ Sie ermuntert so die Frauen zur Friedensarbeit und nimmt Ideen der Frauenbewegung vorweg. Und Frauen sind ihr bei ihrer journalistischen Arbeit auch später immer ein wichtiges Sujet.

Die Europäerin: Europa eine Seele geben

Die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland ist ihr ein Herzensanliegen. Vorträge in Deutschland auf ihren Reisen galten stets der Vision für ein geeintes Europa. Pagniez: „Alle die, die durch furchtbare Prüfungen hindurchgegangen sind, wollen sich mit ihrem ganzen Sein dieser Sendung widmen, Europa eine Seele geben.“ Ein beseeltes Europa durchdringt ihre Vision von einer Einheit weit über politischen und wirtschaftlichen Pragmatismus hinaus. Sie ist mit diesem Ideal heute aktueller denn je, insofern sie die Menschen individuell anspricht, ihre Differenzen über Grenzen hinweg zu überwinden.

Die Weltbürgerin: Schreiben als politische Notwendigkeit

Yvonne Pagniez ist zeitlebens wachsame Beobachterin des Zeitgeschehens. Zeitzeugin wird sie im Algerienkrieg Frankreichs und der algerischer Unabhängigkeitsbewegung. Als Berichterstatterin sorgt sie sich wiederum um Menschen: um das Leben der Soldaten als auch um französische Zivilistinnen und Zivilisten in Algerien. Über diesen Krieg publiziert sie drei Bücher. Sie wird zudem Kriegsberichterstatterin während des Indochina-Einsatzes von französischen Truppen. Für das „Journal de Genève“ liefert sie Artikel aus dem Kriegsgeschehen. Später entstehen zu jener Zeit fünf Buchpublikationen.

Seit 1961 verlebt Yvonne Pagniez ihren Lebensabend in der Bretagne – es wird jedoch kein Ruhestand. Reisend und schreibend nimmt sie Anteil am Zeitgeschehen und bleibt uns als hellwacher, beobachtender Geist der Zeitläufte in Erinnerung.

Bild:Weitere Informationen:
Stadt Schwäbisch Gmünd, Frauenbeauftragte Elke Heer,
Marktplatz 1, 73525 Schwäbisch Gmünd,
Telefon 07171/603-1610.

geschrieben von Evelyn Thriene

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